Videogottesdienst am 03.05. 11h / Pastor Alexy / Predigttext zum Mit-/ Nachlesen

Hier finden Sie den Link zum aktuellen Videogottesdienst mit Pastor Alexy und Kantor Christian Steltner.

VideoGottesdienst Jubilate

sowie den Predigttext zum Mit-/Nachlesen:

Joh 15, 1-8
Predigt Jubilate 3.5.2020
Georg Alexy

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! (1. Kor 1,3)

Unser heutiger Predigttext steht im Evangelium nach Johannes im 15. Kapitel:

Jesus spricht: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“ (Joh 15, 1-8).

Liebe Gemeinde!

Unser heutiger Predigttext hat eine helle und dunkle Seite. Die helle Seite unseres Textes ist beeindruckend. Der Text zeichnet ein wunderschönes, fast mystisches Bild einer engen, ja, allerengsten, Verbundenheit zwischen Jesus Christus und uns: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (V. 5). Dieses Bild vom Weinstock und den Reben geht sehr weit. Es beschreibt eine Beziehung zwischen Christus und uns, die weit über Freundschaft und sogar über Liebe zwischen verschiedenen Individuen hinaus geht. Es geht um Identität. Der Weinstock, also Christus, und die Reben, also wir, sind ein und dieselbe Pflanze. Der Gedanke, der in dem Bild steck, wird im vierten Vers konkret: „Bleibt in mir und ich in euch“ (V. 4). Wir in Jesus Christus und Jesus Christus in uns! Die Grenze zwischen Mensch und Gott ist hier aufgehoben. Gleichzeitig beschreibt unser Text Gott als Weingärtner, der uns, seine Pflanzen, um beim Bild unseres Textes zu bleiben, hegt und pflegt, sich um uns kümmert, uns nicht allein lässt, in dessen Obhut wir uns geborgen fühlen können. Im ersten Vers heißt es: „Ich [also Jesus] bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner“ (V. 1). Weiter sagt unser Text: „eine jede, [damit sind die Reben, also, in unserem Bild, wir, gemeint] die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe“. Gott macht uns besser. Und er hebt sogar die Grenze zwischen ihm und uns auf. Was für eine wunderschöne Vorstellung!

Das ist die helle Seite. Die andere, die dunkle Seite, nimmt, so finde ich, jedenfalls auf den ersten Blick, dieser hellen Seite ein Stück ihres Strahlens. Wie eine Drohung klingt das, was wir da hören oder lesen. „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg“ (V. 2). Das heißt also, dass Gott jeden und jede von uns, die oder der sich nicht so entwickelt, wie es ihm gefällt, von Jesus wegnehmen wird.  Besonders in Verbindung mit dem sechsten Vers wirkt das recht düster auf mich: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen“ (V 6). Wir werden, wenn wir uns nicht so entwickeln, wie es Gott gefällt, nicht nur einfach von Jesus weggenommen, sondern verbrannt. Das ruft bei mir Assoziationen von Höllendarstellungen mit lodernden Flammen wach. Die Verstoßenen müssen im höllischen Feuer leiden und verbrennen. Was für eine furchtbare Vorstellung!

Da schenkt Jesu uns zum einen auf eine so schöne Weise Hoffnung und Kraft, durch das Bild der innigsten Verbundenheit mit ihm, dem Sohn Gottes. Beides, Hoffnung und Kraft, können wir gerade in Zeiten wie heute gut gebrauchen, in Zeiten, in denen viele von uns sich seit Wochen von dem Virus bedroht fühlen, in Zeiten, in denen wir wissen, dass die Bedrohung mit großer Sicherheit noch eine ganze Zeit über uns schweben wird, in Zeiten, in denen viele von uns schwer an den gesellschaftlichen Einschränkungen tragen, die die Coronapandemie mit sich bringt. Dass wir Gottesdienste im Augenblick nur in Form von Videos miteinander feiern können, ist nur ein Beispiel dieser gesellschaftlichen Einschränkungen. Ja, Hoffnung und Kraft können wir in diesen Tagen gut gebrauchen. Doch noch während Jesus mit seinen Worten das mystische Bild von ihm und uns als einer Pflanze, die von Gott gepflegt und großgezogen wird, vor unser inneres Auge malt, mischt er düstere Farben in sein an sich helles Bild. Warum tut er das?

Die Drohung, die in Wirklichkeit keine ist, das werden wir gleich sehen, passt nicht zu meinem Bild, das ich von Jesus und seiner Botschaft habe. Denn was Jesus uns lehrt, in Worten und Taten, hat der Autor des ersten Johannesbriefes in drei Worten zusammengefasst: „Gott ist Liebe“ (1. Joh 4,16). Darum meine ich, dass das Dunkle in unserem Text tatsächlich gar keine Drohung ist, sondern eine Erinnerung. Es ist eine Erinnerung an den Ernst der Botschaft Jesu. Wenn man so viel von der Liebe spricht, wie Jesus es tut, dann kann die Gefahr bestehen, dass der eine oder die andere dies so versteht, als sei es einerlei was wir tun, wie wir unser Leben führen, weil Gott, der uns bedingungslos liebt, uns sowieso alles vergibt, was wir falsch machen, was wir anderen antun. Damit stehen wir vor einem Dilemma. Ich meine nämlich, dass es so ist, dass Gott uns wirklich alles vergibt. Und gleichzeitig verstehe ich Jesus so, dass es nicht gleichgültig ist, was wir tun. Darum lesen wir in der Bibel neben den schönen, hellen und strahlenden Worten der Liebe und der Vergebung eben auch von weniger schönen, dunklen und schweren Worten des Gerichts und sogar von der Hölle, deren Feuer zwischen den Zeilen unseres Predigttextes hindurch blitzen. Diese Hölle ist übrigens zwar in der Vorstellungswelt der Bibel da, aber die Bibel sagt kaum etwas Konkretes über die Hölle, denn das braucht sie nicht. Denn es gibt sie, so meine ich, als Mahnung zur Ernsthaftigkeit, nicht als tatsächlicher Ort ewiger Bestrafung.

So kann man also zusammenfassen, dass die helle Seite unseres Textes uns hochhebt, hoch zu Gott, von dem unser Text sagt, dass wir ein Teil von ihm sind und er ein Teil von uns ist. Und dass unser Text uns zugleich auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Das tut er, indem er uns daran erinnert, dass nicht alles in unserem Leben so ist, wie es sein müsste und sein sollte.  Das tut er, indem er uns daran erinnert, dass wir eben nicht vollkommen und fertig sind, nur weil wir an Gott glauben, sondern dass wir immer auf dem Weg sind, dass wir immer dabei sind, uns weiterzuentwickeln. Und unser Text sagt uns, dass es nicht gleichgültig ist, in welche Richtung uns unsere Entwicklung führt. Mich erinnert diese Botschaft unseres Textes an einen Gedanken Martin Luthers: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles“[1]. „Es reinigt sich aber alles“, schreibt Luther, und das geschieht durch den Kern der Botschaft Jesu, durch die Liebe. Gott, als unser „Weingärtner“, um bei dem Bild unseres Textes zu bleiben, geleitet uns auf dem Weg unserer Entwicklung, auf dem wir gut oder wenigstens besser werden, nicht um Punkte bei Gott zu sammeln, sondern um die Liebe, die Gott uns entgegenbringt, zu erwidern. Wir werden besser, indem wir mit anderen so umgehen, wie Gott mit uns umgeht. Das macht uns zu seinen Botschaftern in der Welt. So dunkel ist die dunkle Seite unseres Textes beim genaueren Hinsehen also gar nicht. „Gott ist Liebe“ (1. Joh 4, 16) und Gott will Liebe unter uns Menschen, besonders in Zeiten, die so schwer sind wie die, die wir gerade erleben. Und das ist für ihn keine Nebensache. Das Düstere in unserem Text ist eine Mahnung Gottes an uns, es mit der Liebe ernst zu nehmen, nicht eine Drohung, uns mit der Hölle zu bestrafen. Denn wenn Gott das vorhätte, dann wäre er nicht Liebe. Aber das ist er. Darum kann Jesus im ersten Vers unseres Textes sagen: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner“ (V. 1).

Amen

 

[1]Martin Luther, Grund und Ursach aller Artikel (1521), Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimaraner Ausgabe, Schriften 7, Weimar 1897, 309 – 457, 336.