Videogottesdienst am 26.04. 11h | Predigttext | Pastor Alexy

Aktuellen Videogottesdienst sowie Predigttext zum Mit-/Nachlesen mit Pastor Alexy und Kantor Christian Steltner.

 

1. Petr 2, 21b-25
Predigt Misericordias Domini 26.4.2020
Georg Alexy

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.


Liebe Gemeinde!

Unser heutiger Predigttext ist ein Abschnitt aus dem ersten Brief des Petrus. Der Text wirkt auf mich, jedenfalls auf den ersten Blick, irritierend. Die Worte unsres Textes, die ich gleich lesen werde, richtet Petrus an die Sklaven. Das wird nur drei Verse bevor unser Predigttext beginnt klar zum Ausdruck gebracht. Ich lese unsren Text, wie er im ersten Brief des Petrus im zweiten Kapitel geschrieben steht:

„[D]a auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen“ (1. Petr 2, 21b-25).

Wenn wir bedenken, dass die Worte, die wir gerade gehört haben, ausdrücklich an Sklaven gerichtet sind, kann man beinahe einen Schreck bekommen. Vertröstet Petrus hier die, die unter entsetzlicher sozialer Ungerechtigkeit leiden, mit dem Blick auf das Kreuz Jesu (V. 24)? Sollen die Sklaven ihr Sklavenschicksal wehrlos ertragen (V 21), weil auch Jesus, dem die Sklaven nachfolgen sollen, unter Ungerechtigkeit gelitten hat? Sagt Petrus, dass es nicht schlimm sei, dass die Sklaven in dieser Welt keine Gerechtigkeit erfahren, weil Gott die Täter irgendwann, vielleicht am Ende der Welt, zur Rechenschaft ziehen wird? In unserem Text heißt es, Jesus habe sich nicht zur Wehr gesetzt, „es aber dem anheim[ge]stellt[…], der gerecht richtet“, also Gott (V. 23). Ist Petrus der Ansicht, dass all das, was ein Sklave in seinem Leben ertragen muss, nicht schlimm sei, weil die Sklaven durch die „Wunden“ Jesu „heil geworden“ sind, wie er schreibt (V. 24), also durch das Kreuz Christi gerettet sind, sie, wie er sagt „irrende Schafe“ waren, die dadurch zu Christus als dem „Hirten und Bischof“ umgekehrt sind (V. 25)? Drei Verse vor unsrem Text wird Petrus, was den Sklavenstatus betrifft, noch deutlicher: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen“ (1. Petr 2,18). Petrus fordert hier ohne Zweifel Sklavengehorsam. Nach unsrem Text geht es ähnlich weiter. Nur richtet Petrus sich jetzt nicht mehr an die Sklaven, sondern an die Frauen. Die, so sagt er, sollen sich unterordnen. „Desgleichen sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen“, so schreibt Petrus (1. Petr 3,1). Was hat das zu bedeuten? Ist Petrus, für Sklaverei und Frauendiskriminierung? Rechtfertigt die Bibel Sklaverei und Frauendiskriminierung?

Es scheint, wie gesagt, auf den ersten Blick beinahe so. Doch wir müssen, wie so oft, näher hinschauen. Ohne Zweifel zeigt der Text des Petrus, unser Predigttext, eine gewisse Hinnahme der Realität der Antike vor 2000 Jahren, in der es Sklaverei und ein erhebliches Maß an Frauendiskriminierung gab. Petrus bleibt, in dieser Hinsicht, in seiner Zeit gefangen. Damit bleibt auch die Bibel, in dieser Hinsicht, in ihrer Zeit gefangen. Immerhin geht die Bibel zum Beispiel bei dem Apostel Paulus schon Schritte in die andere, die richtige Richtung. Paulus schickt den zu ihm geflohenen Sklaven Onesimus zu seinem Herren Philemon zurück. Er erkennt damit die Einrichtung der Sklaverei an, aber er schreibt Philemon, dem Herren des Sklaven, den er persönlich kennt und der wie Paulus selbst und der Sklave Onesimus Christ ist, den sogenannten Philemonbrief. Heute ist dieser Brief Teil des Neuen Testaments. In diesem Brief bittet Paulus den Herren, seinen Sklaven wieder aufzunehmen, und zwar, wie Paulus sagt, „nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave: ein lieber Bruder“ (Philm 16). Wie gesagt, das ist immerhin schon etwas, kein Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, aber doch der liebende Blick auf den Menschen, auf das Individuum. Bei Petrus, in unsrem Predigttext, scheint die Haltung resignativer. Er erklärt die Sklaverei für ein Leid, das ertragen werden muss. Er scheint nicht die Vorstellung zu haben, dass eine freie demokratische Rechtsordnung hergestellt werden könnte, dass also eine Ordnung, in der Menschenrechte und Demokratie herrschen, entstehen könnte. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass sich auch bei Petrus bereits deutliche Elemente finden, die in diese Richtung weisen. Zwar sieht er die Sklaverei als ein Leiden an, das nun einmal da ist, doch er stellt dieses Leiden in das Licht des Leidens Jesu. Damit können, so meint er, die Sklaven sich mit dem Tragen ihres Schicksals leichter tun. Immerhin eine Stütze in all der Ungerechtigkeit. Und, das ist ein entscheidender Punkt, Petrus bleibt hierbei nicht stehen.

In dem Abschnitt, seines Briefes, in dem unser Predigttext steht, geht es, wie gesagt, um Mahnungen an die Sklaven. Auf diesen Abschnitt folgt ein weiterer mit Mahnungen an die Frauen und Männer. Aus diesem Abschnitt haben wir heute schon die Aufforderung der Unterordnung der Frauen gehört. In diesen beiden Abschnitten bleibt Petrus, wie gesagt, in seiner Zeit gefangen. Den Schlüssel für das Verständnis des Petrus bildet für mich ein dritter Abschnitt mit Mahnungen, der auf die beiden ersten folgt. Er ist in der Lutherbibel mit „Mahnungen an die ganze Gemeinde“ überschrieben. Genaugenommen steckt der Schlüssel für mich im ersten Satz dieses dritten Abschnitts: „Endlich aber seid allesamt gleich gesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig“ (Petr 3,8).

„Endlich“, sagt er. Damit fasst Petrus zusammen, was er bisher gesagt hat. Er spricht von „gleich gesinnt“. Damit taucht ein Element der Gleichheit auf. Es folgen die Worte „mitleidig“, „brüderlich“ und „barmherzig“. Mit diesen Worten fordert er eine gesellschaftliche Solidarität, die von der Hilfe in der Not der Sklaverei über die Hilfe in der Not der geschlechtsbezogenen Diskriminierung, der damaligen und der heutigen, bis zur Hilfe in der Not der heutigen Flüchtlingslager reicht und sich in jüngster Zeit auch auf die Hilfe in der Not bezieht, die die Coronapandemie für viele erzeugt. Schließlich fordert Petrus Demut. Das schließt, in Verbindung mit dem schon Gesagten, der Gleichgesinntheit, dem Mitleid, der Brüderlichkeit und der Barmherzigkeit, die Organisation einer Gesellschaft aus, die auf Ungleichheit, unterschiedlichen Rechten und rein ökonomischer Konkurrenz beruht.

Trotzdem behält unser Text etwas Dunkles. Petrus ist und bleibt hier, ich habe es schon mehrfach gesagt, in seiner Zeit gefangen. Er kann nicht über sie hinaus, jedenfalls nicht ganz. Denn ein wenig überwindet er schon den Geist seiner Zeit, in der freilich nicht alle, wir kennen einige seltene Ausnahmen etwa unter Philosophen der Stoa wie Seneca[1], aber doch die meisten dachten, gesellschaftliche Ungleichheiten müsse man hinnehmen. Dieses Überwinden des Geistes seiner Zeit besteht nicht drin, dass Petrus eine fertige politische Theorie liefert, nein. Aber er schenkt uns tiefe religiöse Gedanken, die als ein früher Anfang verstanden werden können. Seine Ideen vermischen sich mit denen anderer. Dazu gehört etwa die Botschaft des Apostels Paulus, der in seinem Brief an die Galater schreibt, „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihn seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28), und auch die These Senecas, der in Sklaven Menschen sieht und nicht, wie damals weithin üblich, Sachen. Die Gedanken, die Petrus und die anderen, die wenigstens etwas über ihre Zeit hinaus wachsen konnten, uns schenken, sind so gewachsen, erst leise, dann immer lauter, bis sie der gesellschaftlichen Organisation die Maßstäbe von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegeben haben. So rückständig Petrus in unserem Predigttext mit seinem scheinbaren Hinnehmen der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten wirkt, am Ende sind seine Gedanken doch neue Botschaften mit weitreichenden politischen Konsequenzen.

Unser Predigttext erinnert mich daran, wie fest wir alle, oder zumindest die meisten von uns, im Geist unserer Zeit stecken. Er erinnert mich daran, öfter zu überprüfen, ob das, was ich an unsrer Gesellschaft für selbstverständlich halte, auch selbstverständlich sein sollte. Und er erinnert mich daran, wie viel wir bewirken können, auch wenn unsere Stimme, wie die des Petrus damals, nur ganz leise ist. Sie kann wachsen, sich mit anderen Stimmen vereinen und vermischen und so, im positivsten Sinn, die Welt erschüttern.

Amen


[1] L. A. Seneca, Briefe an Lucilius über Ethik, 5. Buch, 47. Brief. Seneca zitiert hier die abfällige These über Sklaven „Servi sunt“ und stellt dieser seine These entgegen „Immo homines“, also der abfälligen These „Sklaven sind sie!“ hält er die These entgegen „Nein, vielmehr Menschen“.