Geistliches Wort

Geistliches Wort

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen

Dieser Satz aus dem 90. Psalm in der Bibel ist fast sprichwörtlich. Allerdings hat unsere Gesellschaft seit 1945 die Fähigkeit verlernt, die hier gefordert wird – nämlich Tod und Sterben in das Leben zu integrieren.
Das mag daran liegen, dass wir die strategisch geplante Massenvernichtung von Juden und anderen verfolgten Minderheiten während der Nazizeit sowie den Tod von Zivilen und Soldaten nicht wirklich verarbeiten können. Jedenfalls bin ich so aufgewachsen, als wenn es gar kein Ende des Lebens und überhaupt am besten gar kein Unglück gäbe – gewissermaßen Verdrängung pur.
Es gibt aber ein Ende, und es ist gut, sich das vor Augen zu führen. Wir sind Teil eines natürlichen Kreislaufs. Leben wird uns geschenkt; dann können wir es durchlaufen, gestalten oder genießen. Am Ende kehrt unser Körper zurück in die Natur: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube.
Darin unterscheiden wir uns nicht von Pflanzen und Tieren. Wir unterscheiden uns darin, dass wir auf der Zeitschiene zurück- und vorausdenken können. Selbst über den Tod können wir vorausschauend nachdenken.
Neuerdings beschäftigen sich wieder mehr Menschen mit Krankheit, Sterben und Tod. Zu verdanken ist das der Hospizbewegung, den Trauergruppen, den Bestattungs- unternehmen und den Kirchen. Sie alle bemühen sich darum, dass wir das Ende als Teil unseres Lebens verstehen lernen.
Was macht uns klug, wenn wir über das Sterben nachdenken?
Möglicherweise nehmen wir das Leben, das uns bleibt, anders wahr.
Möglicherweise lernen wir, nicht nur den Anfang, sondern auch das Ende als Gott-gegeben anzunehmen.
Möglicherweise erkennen wir Gott als Gott des Lebens, der uns erschaffen hat und zum Leben erwecken kann – in Zeit und Ewigkeit.

Ihr Pastor Tilman Lautzas

Der Herr ist mein Licht

Wenn dieser Gemeindebrief erscheint, dauert es nur noch einige Wochen, bis das Jahr 2019 seinen Zenit erreicht.
Mit großen Schritten gehen wir jetzt auf den längsten Tag des Jahres zu. Ich mag diese Zeit. So viel Licht begleitet unsere Tage!
Natürlich können wir in der dunklen Jahreszeit einfach künstliches Licht anschalten. Aber für mich ist das nicht das Gleiche. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend vom Licht der Sonne begleitet zu werden, heitert mich auf, macht mich fröhlich, erfüllt mich mit Tatkraft und Zuversicht.

Licht ist nicht nur etwas, das wir für die technischen Vorgänge unseres Lebens brauchen. Wir brauchen es nicht nur, um den Weg zu finden oder um unserer Arbeit nachzugehen. Nein, Licht, besonders das Sonnenlicht, hat eine tiefe Wirkung auf unser Gemüt.
Die biblische Tradition schreibt den 27. Psalm dem König David zu. Vielleicht geht es David um gerade diese Wirkung des Lichtes auf unser Gemüt, wenn er in seinem Psalm ausruft: Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte mir grauen? (Ps 27, 1) Der Herr ist mein Licht!
Es gibt eben nicht nur das Licht der Sonne und des Mondes am Himmel, nicht nur das Licht der LED-Lampen in unseren Wohnungen. Nein, es gibt auch dieses andere Licht, das Licht Gottes, das tief in uns in unseren Herzen scheint. Für dieses Licht spielt die Jahreszeit keine Rolle. Dieses Licht scheint uns immer und schenkt uns die göttliche Kraft, von der David in seinem Psalm spricht, und an die mich das Licht der Sonne in diesen Tagen so sehr erinnert. Ja, ich mag diese Sommerzeit. So viel Licht begleitet unsere Tage!

Es grüßt Sie herzlich Ihr
Pastor Georg Alexy

Warum hast du mich verlassen?

Es ist schlecht, wenn man in Not gerät. Noch schlechter ist es, wenn man sich dabei verlassen fühlt. Verlassen von Menschen, von allen guten Geistern, von Gott. Kein tröstendes Wort, keine Hilfe, keine politische Unterstützung.
Als Jesus unter schlimmsten Umständen am Kreuz starb, rief er die Worte, die er aus Psalm 22 kannte: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Das Paradox ist kaum auszuhalten: Gott kommt als Mensch auf die Erde, um Liebe vorzuleben und zu verkündigen. Dabei gerät er – als Jesus von Nazareth – in Konflikt mit der etablierten Gesellschaft, weil er deren Werte grundlegend in Frage stellt und sich vor allem den Leidenden und Verschmähten zuwendet. Und er wird zum Tod verurteilt.
Gott ist ganz und gar Mensch geworden. Er verzichtet auf seine Allmacht. Er rettet sich nicht. Dieses Wunder hätte der Macht- haber Pilatus wohl gerne gesehen. Aber es geschieht nicht. Im Gegenteil: Gott stirbt als Mensch einen Foltertod und fühlt sich dabei gottverlassen.
Dieses Geschehen hat der Apostel Paulus in den Mittelpunkt seiner Botschaft gerückt. Gott ist kein Gott der Rache, sondern der Liebe. Ein Gott, der zutiefst mitleidet. Es gibt kein Leid dieser Welt, das er nicht kennt und sieht. Der Apostel Paulus nannte diese Botschaft einen Skandal und eine Torheit.
Die Allmacht Gottes wird durch den Tod eines Menschen ersetzt, der Liebe und Wahrheit verkündet.
Bis heute ist dieses „Skandalon“ gegenüber anderen Religionen, die an den einen – unseren – Gott glauben, schwer vermittelbar. Das gilt gleichermaßen für das Gespräch mit Juden wie mit Muslimen.
Ich empfinde es so: Gerade das Kreuz als allgegenwärtiges Zeichen des Christentums gibt unserem Glauben Tiefe. Wir verschließen die Augen nicht vor Unrecht, Leid und Not. Aber wir vertrauen darauf, dass Gott den Tod überwindet. Das Kreuz wird zum Hoffnungszeichen.
So begehen wir die Passionszeit sieben lange Wochen, um dann zu Ostern das Leben und die Hoffnung fröhlich zu feiern.
Im Leiden ist es so wichtig, dass jemand da ist und mir zur Seite steht. Gott ist für jeden da, der ihn braucht. Und wir Christen versuchen, es ihm gleich zu tun.

Herzliche Grüße, Ihr Pastor Tilman Lautzas

Fasten mit dem Bilderverbot – 7 Wochen mal ehrlich!

Ich habe ein Lieblingsgebot. Leider ist meins im Moment ziemlich out: „Du sollst dir kein Bild und kein Gleichnis machen!“ Nicht von Gott und nicht vom Leben! Ein Gebot mit einer immensen Schutzfunktion, finde ich.
Dabei könnte es erstmal wie eine lästige Einschränkung klingen: „Hör auf, dein Leben nur noch durch die Kamera deines Smartphones zu sehen!“.
Nun gehöre ich selber zu denen, die gerne alte Fotos durchblättern, weshalb ich auch stetig für Nachschub sorge. Würde mir jemand sagen: „Keine Fotos mehr!“, würde ich antworten: „Doch! Meinetwegen nicht immer und überall, aber ich mag Fotos.“ Aber nun heißt das Gebot ja nicht: Du sollst dir nur in Maßen Fotos machen. Das wäre bestimmt auch ein gutes Gebot, aber das Bilderverbot verstehe ich anders: Eine amerikanische Psychologin entdeckte, dass Studierende, die ihre Verweildauer auf Facebook und Co. auf zehn Minuten am Tag einschränkten, sofort weniger depressiv waren. Vordergründig, weil sie nun mehr Zeit für wirklich Wichtiges hatten. Aber der eigentliche Grund ist ein anderer und lässt sich nicht durch Mäßigung regulieren: Wer sich ständig die Bilder vom (vermeintlich) schönen Leben der anderen ansieht, hat Angst, etwas zu verpassen. So wie auf diesen Bildern ist das eigentliche, das richtige Leben, so müsste meins auch sein…
Bilder bergen die Gefahr, unglücklich zu machen.
Es ist der Neid, der Menschen seit Tausenden von Jahren quält. Die Unzufriedenheit, die sich eben an Bildern entfacht (übrigens auch an denen, die wir uns bloß im Kopf machen!).
Darum: Hör auf mit dem Vergleichen (Gleichnis)! Glaub doch nicht an die scheinbare Norm und Wirklichkeit von Bildern! Lass dir doch nicht gebieten, wer du sein müsstest! Mit dem Bilderverbot schützt Gott uns vor uns selber. Er schafft Distanz zwischen uns und den festgelegten Bildern, die es von uns gibt (oder gerade nicht gibt). Gott garantiert uns: Wir sind mehr, als alle Bilder von uns zeigen könnten.
Wie wäre es denn in der Fastenzeit mit sieben Wochen ohne quälende Bilder und Vergleiche? Das wäre eine Form, mal ehrlich zu sein und der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Und die Wahrheit bewahrt uns!

Mit herzlichem Gruß
von Ihrer (neuen) Pastorin Inga von Gehren

7 Wochen ohne Lügen

heißt in diesem Jahr die Fastenaktion der evangelischen Kirche.
Die Fastenzeit soll uns auf Ostern vorbereiten. Sie erinnert uns an die vierzig Tage und Nächte, die Jesus nach seiner Taufe in der Wüste verbrachte und fastete (Mt. 4,2.).
Früher war das Kirchenjahr durchzogen von Fastentagen und -wochen. Dazu gab es genaue Speisevorschriften. So glaubte man, Gott milde zu stimmen. Martin Luther jedoch lehnte die Vorstellung ab, dass Verzicht und Askese als gute Werke vor der Verdammnis bewahren.
Heute darf nach protestantischem Verständnis jeder Mensch selbst darüber entscheiden, was ihm oder ihr gut tut. Manche sehen im Fasten in der Passionszeit eine Zeit der Einkehr, der Umkehr und Besinnung.
Sie stellen sich die Frage: Was wäre wenn, …
. … wenn ich nicht jeden Abend vor dem Fernseher einschlafen würde?
… wenn ich jeden Tag etwas Neues wagen würde?
… wenn ich ehrlich zu mir und anderen wäre?
Wenn wir solche Fragen zulassen, können wir in der Fastenzeit mit unseren Gewohnheiten brechen, beispielsweise weniger oder einfacher essen, das Rauchen lassen oder häufiger zu Fuß gehen. Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt, und auf einmal zeigt sich etwas Unerwartetes oder etwas lange Übersehenes.
Wenn das gelingt, dann verlassen wir die Trampelpfade unseres Alltags und finden mit etwas Glück den Weg in die Gewohnheit gar nicht wieder zurück. Wir können dann einen neuen Weg gehen, finden neue Kraft und vielleicht etwas wie Auferstehung.
Sie können den Fastenkalender „7 Wochen ohne Lügen“ mit Bildern, Geschichten, Gedichten und Denkanstößen im Gemeindebüro und in Buchhandlungen kaufen oder im Internet bestellen: www.7wochenohne.evangelisch.de

Gwenda Hahne
nach einem Text von Kathrin Althans

Wissenswertes über die Karwoche und Ostern

Ostern ist das höchste christliche Fest. Es findet nicht – wie Weihnachten – an einem bestimmten Tage statt, sondern ist ein „bewegliches“ Fest.
-Ostersonntag ist der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang. Davor liegt die Karwoche, in der der letzten Tage Jesu gedacht wird.
-Die Karwoche (von althochdeutsch „kara“: Klage, Jammer, Trauer) beginnt mit dem Palmsonntag (Palmarum). Der erinnert an den umjubelten Einzug Jesu nach Jerusalem, bei dem der Weg mit Palmzweigen versehen war, dem Symbol des Sieges. Auf Jesus wartete jedoch ein Gerichtsverfahren vor Pontius Pilatus. Jesus verteidigte sich nicht, wurde zum Tode verurteilt und starb am Kreuz.
-Am Gründonnerstag feierte Jesus das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern. Mit dem Symbol des gemeinsamen Essens und Trinkens bezeugen wir noch heute die Gemeinschaft untereinander und mit dem Herrn. (Der Wortteil Grün…leitet sich wohl vom Verb „greinen“: beweinen, klagen ab.)
-Der Karfreitag ist der Todestag Jesu. Das ist der Tag der Trauer und der Stille. Die liturgische Farbe ist das Schwarz, die Glocken und die Orgel schweigen. Der Gottesdienst findet zur über- lieferten Todesstunde Jesu um 15 Uhr statt.
-Der Karsamstag steht im Zeichen der Grabesruhe Christi. Mit Einbruch der Dunkelheit wird jedoch das Osterfeuer entzündet. Mit dem Symbol des Feuers und des Lichtes enden in der Osternacht die Trauerwoche und damit auch die Fastenzeit.
-Der Ostersonntag ist der Tag der Freude über die Auferstehung Jesu und den Beginn neuen Lebens. Der Gottesdienst beginnt in der dunklen Kirche, also noch vor Sonnenaufgang. Mit dem Aufgehen der Sonne setzen die Glocken und die Orgel wieder ein, und die Gemeinde stimmt einen Choral an.
-Ostereier: Gekochte Eier werden seit dem Mittelalter als Wertschätzung gereicht. Dieses damalige Grundnahrungsmittel musste die Fastenzeit überstehen und wurde daher hart gekocht. Das Ei galt schon damals als nahrhaft, aber auch als Symbol des Lebens und wurde oft mit der Farbe Rot versehen.
-Osterhase und Osterküken: Überliefert ist, dass vor ca. 350 Jahren der fruchtbare Feldhase und frisch geschlüpfte Küken als Symbole für neues Leben mit dem Osterfest in Verbindung gebracht wurden.

Gabi Lott-Pohlandt/Johann Wackernagel

Frei-nachten und Freu-nachten

Alle Jahre wieder… sucht die Weihnachtszeit uns heim
alle Jahre wieder sprechen Kinder ihren Reim.
alle Jahre wieder versuch ich mich zu überwinden
alle Jahre wieder versuch ich das alles schön zu finden doch… ich BIN kein Freund von Weihnachten.
Jedes Jahr kommt diese Zeit, und man kommt an ihr nicht vor- bei. Auch die Poetryslam-Szene setzt sich damit auseinander, z.B. sabine sobotka / reimfieber in einem nachdenklichen Text, dem ich die Worte oben entnommen habe.
Der Poet Achim Leufker bemängelt: Weihnachten geht beim Sinn stiften meist der Sinn stiften.
Die Spannungen zwischen der romantischen Botschaft von Gott, der als Kind in einer Krippe zur Welt kommt, und der Werbe- und Wohlstandsgesellschaft ist manchmal schwer zu ertragen. Allerdings sind die sozialkritischen Töne inzwischen meist verflogen, anders als noch bei Erich Kästner: Morgen, Kinder, wird’s nichts geben! Nur wer hat, kriegt noch geschenkt. Mutter schenkte euch das Leben. Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Viele Dichter – gerade die jüngeren – können Weihnachten etwas abgewinnen. Die erfolgreiche norddeutsche Slamerin Mona Harry dichtete für das Abendblatt:
...dann steh ich am Fenster und schau in das Land
und winterlich leise Stimmung zieht sanft

in die gehetzten Winkel meines Innren hinein
zu Weihnachten kehre ich immer gern heim.

Die Poetry-Szene des 17. Jahrhunderts schrieb Sinn-Gedichte, sogenannte Epigramme. Friedrich von Logau hat ca. 3.000 da- von verfasst. In einem Wortspiel beschreibt er den beliebigen Umgang mit dem Weihnachtsfest und erinnert an dessen Ursprung: Kümmt vom Weinen, kümmt vom Weihen, kümmt vom Wein Weihnachten her? So wie jeder sie ihm brauchte, kamen sie ihm ohn Gefehr. Weil der Welt-Erlöser drinnen in die Welt ist kummen ein, sollten sie Frei-nachten heißen, sollten sie Freu-nachten sein.
In diesem Sinne: Kommen Sie gut durch die Weihnachtszeit, vielleicht mit etwas Poesie.
Tilman Lautzas

Der Oktober hat es in sich!

Große Eröffnung am 7. Oktober mit dem Erntedankfest, dann das große Finale – der  31. Oktober – Reformationstag, nun ein Feiertag in Kirche und Gesellschaft.
Das Ernte-Dank-Fest ist das selbstverständlichste Fest auf der Welt. Alle Kulturen feiern es auf ihre Weise. Schon Kinder verstehen es. Ein Fest, das durch den Leib geht und alle Sinne inspiriert. Wer kann sich dem Duft frisch gebackenen Brotes entziehen? Wer den Weintrauben widerstehen?
Man muss die Herbstblumenpracht einfach genießen und man erlebt geradezu sinnlich, dass Pommes mal echte Kartoffeln waren mit Erdkruste dran – frisch aus dem Garten. All unsere Lebensmittel und Mittel zum Leben kommen uns in den Sinn. Essen und Feiern, Produktion und Bereitung und die Gabe, einander den Tisch zu decken – auf  ihm liegen ja nicht nur Wurst, Käse, Marmelade und Honig, sondern auf dem Tisch stehen vielleicht  Kerzen und drum herum freundliche Gesichter – einander zugeneigt. Wir reichen uns die Gaben des Lebens, damit es für alle reicht.  „Der auch den Spatzen gibt zu essen, der hat uns Menschen nicht vergessen…“, so singen wir gern mit den Kindern. Das stimmt. Gott hat uns nicht vergessen. Aber: der Mensch droht seine Menschlichkeit zu vergessen! Jedes unterernährte, gar verhungernde Kind ist ein Affront, eine Beleidigung gegenüber dem biblischen Auftrag: Mensch zu sein. Erntedank – doch nicht so selbstverständlich? Unser ganzes Leben wird getragen von der Möglichkeit zur Veränderung, zu Wachstum und Reife:
„Dies Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, überhaupt nicht ein Wesen, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.“
Dieses Wort von Martin Luther möge uns durch den Oktober begleiten bis wir ihn mit dem Reformationsfest am 31. Oktober verabschieden. Vielleicht gelingt es uns, das unermüdliche Streben nach Gerechtigkeit aufzunehmen, weil Gott uns mit der Gabe der Menschlichkeit gesegnet hat.
Anke Theuerkorn

Was uns gut tut

Ruhe tut gut, den meisten von uns jedenfalls. Vor ein paar Tagen erzählte mir ein mir nahestehender Mensch, dass er nach getaner Arbeit am Feierabend am liebsten erst einmal einige Zeit allein, für sich, ist. Er möchte dann für diesen Moment keine Musik hören, kein Fernsehen schauen, nicht mit anderen reden, sondern in der Stille zu sich kommen, sich sammeln, die Hektik des Alltags hinter sich lassen, um so neue Kraft zu schöpfen.

Ich kann diesen Menschen verstehen. Auch mir tut Ruhe gut. Ab und zu innezuhalten, einen Schritt aus unserer oft so lauten, hektischen und schrillen Welt zurückzutreten, das hilft auch mir, mich wieder neu zu finden.

Anders als der Mensch, von dem ich gerade erzählt habe, bin ich dabei aber nicht gern allein. Die Ruhe, die mir am meisten Kraft gibt, ist die Ruhe, die ich mit anderen Menschen teilen kann. Das kann bei einem gemeinsamen Spaziergang am Strand sein, bei einem Gottesdienstbesuch oder bei einem Abendessen mit lieben Menschen.

In der Gemeinschaft mit anderen Menschen kann ich am besten zur Ruhe kommen und die Hektik des Alltags abstreifen und der sein, der ich wirklich bin.

Wenn das gelingt, dann kommt mir oft ein bekannter Satz aus dem Evangelium nach Matthäus in den Sinn.
Jesus sagt dort: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).

Diese Zeilen stehen für mich ganz im Zentrum unserer christlichen Religion, weil ich immer wieder selbst in meinem Leben erfahre, dass in ihnen eine tiefe Wahrheit steckt. In der Gemeinschaft mit anderen Menschen finde ich Ruhe und Geborgenheit. In der liebevollen Gemeinschaft wird Gott für mich besonders sichtbar, spürbar, erfahrbar.
Gemeinschaft tut gut!

Es grüßt Sie herzlich Ihr
Pastor Georg Alexy

Wie geht Beten?

Gibt es richtiges und falsches Beten?
In einem Film sah ich vor ein paar Jahren folgende Sequenz:
Die Mutter einer lebensgefährlich erkrankten jungen Frau sitzt im Andachtsraum der Klinik, der Lebensgefährte der Tochter kommt hinzu und sagt: „Uns bleibt nur noch beten.“ Worauf die Mutter den Anfang des Vaterunsers zitiert: „…dein Wille geschehe und so weiter, da sind wir machtlos.“
Der Lebensgefährt sagt: „So geht Beten nicht.“ „Wie denn?“  Und er antwortet flehentlich und fordernd: „Gott bitte hilf, dass sie genügend Kraft hat, diese Krankheit zu besiegen und wieder gesund zu werden!“

Wenn ich dieses Thema mit den Konfirmanden bespreche, dann gebe ich ihnen eine lange Liste mit Verben zur Auswahl und wir ermitteln dann die Favoriten. Danken und  Bitten stehen oft an der Spitze. Dass wir auch klagen, schreien, schimpfen und schweigen dürfen im Gespräch mit Gott, können sie sich erst vorstellen, wenn wir uns ein wenig mit Psalm-Versen beschäftigt haben.

Diese alten Gebete können uns ermutigen, ganz direkt und ohne Scheu mit Gott zu sprechen. Da spielt es keine Rolle, welches Thema uns auf den Nägeln brennt. Dank und Freude, Bitten und Hoffen, Klagen und Trauern, kein Gefühl unseres menschlichen Daseins ist Gott fremd. Und gerade deswegen dürfen wir auch alles sagen.  Beten kann der Notruf sein oder auch der überschwängliche Dank. Dazwischen ist alles möglich und alles richtig. Meine Beziehung zu Gott steht im Zentrum des Gebets.

Einmal sagte ein Konfirmand: „Beten ist ein stiller Moment, dann kann ich Gott hören.“(Es war übrigens einer der Unruhigsten in der Gruppe.)

Oder: Beten ist Atmen, ohne das wir nicht leben können: „Gott, der du schon alles weißt – was soll ich beten? Tief atme ich ein, lang atme ich aus und siehe: DU lächelst.“ (Kurt Marti)

Probieren Sie es einmal. Übrigens: Auch bei der Wahl des Ortes gibt es kein richtig oder falsch. Gott ist schließlich allgegenwärtig.

Ihre Pastorin Ulrike Witte

Atem holen

Mit Kopfschmerzen wurde er wach. Viele seiner Gedanken von gestern sind noch nicht abgelegt. Als wir uns begegnen, schaue ich in ein angespanntes Gesicht, die Augen müde, der Geist erschöpft. Bevor wir ein Stück zusammen gehen, stecke ich noch den Fastenkalender ein.

Die Worte kommen und gehen, aufgeregt, laut und leise. So viel drängt von innen nach draußen. Unsere Schritte werden schneller. Die Bewegung tut gut und es scheint, als würde jeder unserer Schritte einen Gedanken mit sich nehmen. Wir kommen zum Wasser, bleiben stehen, schauen wie gebannt, berührt von diesem Augenblick. Es ist still geworden zwischen uns, ganz wie von selbst, im Schauen und Staunen und Genießen. Als unser Atem fast synchron geht, nehme ich den Fastenkalender und lese aus einem Text von Gerhard Tersteegen:

“Still geschäftiger Verstand, ruht, ihr ausgeschweiften Sinnen! Soll mir Wahrheit sein bekannt, muss der Bilder Schwarm zerrinnen; soll Gott wirken frei und rein, muss mein Eignes stille sein.”

Wir stehen da und sind erfüllt von dem, was gerade ist. Der Bilder Schwarm zerrinnt. Es ist, sagt er, als würde ich weit werden. Ich hole Atem in mein Herz. Wie schön, denke ich.

Das geschieht manchmal, wenn wir anders in Bewegung kommen, innehalten oder die Richtung wechseln. Einen Moment nur, doch der erfrischt, tut gut und stärkt. Vielleicht haben Sie Lust, diese heilsame Unterbrechung auch einmal zu probieren, auf Ihre Weise.

Ihre
Anke Theuerkorn

Eine Schale – einfach in ihrer Form, leer, vor unsere Augen gestellt.
Immer wieder haben wir in unserem?Alltag mit Schalen zu tun. Sie bergen sich in unseren Händen mit heißem Tee oder leckerem Müsli, mit Süßigkeiten oder frischen Erdbeeren mit Schlagsahne. Wie gern nehme ich manche meiner Schalen in die Hand und umschmeichle sie.
Mein Leben kann auch eine Schale sein, so wie es Dag Hammarskjöld in seinem Tagebuch erzählt:?”Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens hingehalten werden, um aufzunehmen, zu tragen und zurückzugeben. Leer hinreichen…”
Was mag sich finden in unseren Lebensschalen? Wie sind sie gefüllt? Mit Glück und Freude vielleicht, neuen Impulsen für das, was kommt, mit Menschen, die an unserer Seite sind. Und auch damit, dass etwas nicht gelingen will, traurig macht, verzweifeln lässt, Trauer und die Endlichkeit unseres Lebens in den Blick kommen, Einsamkeit spürbar wird.
Was hat Ihre Lebensschale schon alles aufgenommen, auch so, dass andere es nicht sehen können? Was möchten Sie zeigen aus Ihrer Lebensschale? Woran andere teilhaben lassen? Vieles ist darin zu finden und aufgehoben. Mit manchem werden wir nicht zufrieden sein. Aus anderem können wir schöpfen und fühlen uns beglückt.
Wir dürfen die Schale des Lebens unserem Gott hinhalten. Sie immer wieder leeren vor Gott, denn er nimmt das, was sich birgt in diesen Schalen, an sein Herz.
Eine Schale – auch als Symbol für unseren christlichen Glauben: wie die Taufschale, aus der wir das Geschenk der Liebe Gottes empfangen oder der Kelch, den wir teilen am Tisch des Lebens.
Gott kommt uns nahe und wir dürfen diese Nähe zu uns nehmen. Welch ein Geschenk: diese Quelle der Stärkung, diese Quelle der Liebe.

Pastorin Anke Theuerkorn

Menü schließen