Corona Ermöglichungen | ein geistlicher Impuls

Corona Ermöglichungen | ein geistlicher Impuls

Corona Ermöglichungen, ein geistlicher Impuls (in Bild und Ton) von Pastorin Inga von Gehren:
zum Download als pdf: Corona Ermöglichungen.pdf


Als Audiostream zum Mithören:



„Corona Ermöglichungen“ – Neue Wünsche für den Wunsch nach Normalität!

„Corona Ermöglichungen“ – diese Wortkombination gibt es gar nicht. Ich meine damit: Nicht, was trotz Corona möglich ist, sondern was wegen Corona möglich ist. So was wie – Sie wissen schon: Fische in den Kanälen von Venedig, kein Smog über Peking usw. Darüber wollte ich einmal nachdenken. Und befrage dazu gerade Menschen aus unserer Gemeinde:
Was ist für dich in dieser Corona Zeit möglich geworden, was vorher nie möglich war, obwohl du es eigentlich immer wolltest?

Ich will mit dieser Frage nicht verharmlosen, was in diesen Wochen schlimm war und ist und bleiben wird, durch das Virus und durch die „Corona-Einschränkungen“.

„Corona-Einschränkungen“ – diese Wortkombination ist uns in den letzten Wochen nur allzu vertraut geworden. Was haben wir über die geredet, gelitten und gestritten. In den Medien und an den Supermarktkassen und über die Gartenzäune hinweg.

Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, haben wir eine Woche erster Lockerungen hinter uns. Länger können wir dem Druck scheinbar nicht mehr standhalten. Er ist ja auch massiv. So viele Menschen gehen jeden Tag über die Grenzen von dem, was sie aushalten, (sich) leisten, selbstmanagen und wegmeditieren oder wegbeten können. Lebensexistenzen geraten aus den Fugen. Und die, die sowieso schon immer im Abseits standen, verschwinden nun ganz von der Bildfläche der Homeschooling-Bildschirme.

Es ist so: Manche müssen ungerecht viel mehr aushalten als andere. Und das: Um der anderen willen! Während die im Garten grillen und wieder bummeln gehen…

Solchen, die um unser aller willen so viel mehr aushalten müssen, solchen müsste unsere ganze Solidarität gelten.

Aber das, war ja eigentlich schon vor Corona so!

Ich frage mich, ob es wirklich die Solidarität mit Kleinladenbesitzern und Kindern strukturschwacher Familien ist, die uns zu den „Lockerungen“ treibt, als nicht vielmehr die eigene Ungeduld. Nach dem Motto: Nach diesen Wochen des Stillstands muss aber mal gut sein… Jetzt reicht es uns mit der Rücksichtnahme! Jetzt wollen wir endlich wieder Normalität…

Und da frage ich mich auch: Welche „Normalität“ ist das eigentlich, die wir so drängend zurückrufen?

Die Normalität, wo wir statt unter freiem Himmel endlich wieder auf einem Laufband laufen können?

Die Normalität, wo wir statt Homeoffice im Wohnzimmer endlich wieder durch stockenden Berufsverkehr pendeln können?

Die Normalität, wo wir statt berührender Mitmenschlichkeit endlich wieder gehetzte Ellenbogen auspacken können?

Oder die Normalität, wo wir statt den Klimawandel heilsam zu begrenzen, endlich wieder 200000 Flugzeuge täglich durch die Atmosphäre jagen können – mit Kurs auf den nächsten Lockdown, dann vielleicht ohne Exit? Und da frage ich mich: Liegen in den als „Freiheitsentzug“ beargwöhnten Einschränkungen nicht auch Ermöglichungen von bisher Unmöglichem?

Sozusagen: „Corona Ermöglichungen“?

Ich weiß, ich hab da gut reden, ich schreibe das aus dem Privileg der gesicherten Versorgungsbezüge und mit Blick in den Pastoratsgarten.

Aber mal angenommen ich wäre stattdessen jemand, der, sagen wir mal, gerade aus einer Doppelschicht im unterbezahlten, systemrelevanten Pflegeberuf, überanstrengt und desillusioniert nach Hause kommt, in den viel zu engen, nicht-bezahlbaren Wohnraum, zum Homeschooling der Kinder (ohne Fördermaterialien), beim Abendbrot (ohne schicke Bioprodukte) – dann wäre doch alles, was daran himmelschreiend prekär und ungerecht ist, genau das, was ja schon immer himmelschreiend prekär und ungerecht war!

Die Einsamkeit in den Pflegeheimen war doch schon vor Corona ein Problem, das uns allen eine Heidenangst vorm Altwerden in die Knochen gejagt hat. Die Wegrationalisierung aller Fürsorge aus den Fürsorgeberufen, hat uns doch schon lange erschaudert. Genauso so wie die Wegrationalisierung der Regenwälder aus den Ackerbauflächen und der Menschenwürde aus den Produktionsketten.

Wir haben uns dann wieder und wieder sagen lassen, all das und andere Schauerlichkeiten seien unabänderlich und die (für uns) bestmögliche Variante von „Normalität“. Zweifel daran oder gar schmerzhaftes Mitgefühl haben wir dann auch wegrationalisiert und verdrängt.

Corona aber verhindert Verdrängung. Corona, so scheint mir, ermöglicht ein gesamtgesellschaftliches Hinsehen.

Und Corona ermöglicht ganz offensichtlich eine andere Normalität. Eine, in der der Schutz von Gefährdeten und Schwachen an die erste Stelle tritt.

Ich stelle mir eine „Normalität“ vor, in der immer so wäre: Schutz und Fürsorge für die Alten, Schwachen und Gefährdeten – auch der gefährdeten Natur – haben von jetzt an oberste Priorität und werden nicht mehr den Prinzipien des Wachstums unterworfen.

Würde das nicht uns allen unsere Heidenangst nehmen, vor der eigenen Schwäche und Bedürftigkeit, vor dem Altwerden, vor der Zukunft unserer Kinder?

Man stelle sich einmal vor, es wäre normal, davor keine Angst zu haben?! Man stelle sich einmal vor, es wäre normal, sich in der Not auf das Miteinander verlassen zu können, ohne sich schämen zu müssen, so wie jetzt gerade!

Fühlt sich für mich nach Freiheit an!!

Corona zeigt uns, wie viel Rücksichtnahme und Solidarität unter uns möglich sind. Noch nie wurde öffentlich mit so breitem Konsens bekannt: Wir wollen zusammenhalten und einander schützen! Die Appelle durch die Lautsprecher im Supermarkt könnten Teil einer Predigt sein! Mitmenschlichkeit wird millionenfach gepostet, vom Balkon gesungen oder der Nachbarin vor die Tür gestellt.

Hüten wir uns davor, das nun wieder zu lockern.

Ich glaube, es gibt Menschen, die sich mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand nähergekommen als je zuvor.

Ich glaube, es gibt Menschen, die sich in ihrer Einsamkeit zum ersten Mal gesehen und verbunden fühlen. Ich glaube, es gibt Familien, die endlich mal normal miteinander leben können und das erleben, was sie sonst immer nur auf „später“ vertagen (zum Beispiel den Opa anrufen).

Ich glaube, es gibt Menschen, die sich auch ohne die Wahlmöglichkeit zwischen Kino und Restaurant plötzlich als freie, lebendige Menschen erleben können.

Und ich glaube, es gibt Menschen, die nach Corona eigentlich nicht mehr hinter diese Freiheit zurückwollen.

Und so hoffe ich, dass all das, was schon vor Corona zum Himmel geschrien hat, nun die Chance bekommt, gehört zu werden.

Und ich hoffe, wir hören, was Gott im Himmel schon so lange hört: Die millionenfachen Gebete, in aller Länder Sprachen und Religionen, von allen Enden der Erde. Die Rufe all seiner Menschenkinder und allen Lebens nach Schutz und Gerechtigkeit. Um leben zu können. In Freiheit!

Und ich hoffe, wir hören auch, was Gott im Himmel schon so lange antwortet.

Zum Beispiel mit dem Matthäusevangelium 6,33:

„Verliert euch nicht in der Sorge um euch selbst, um Essen und Trinken und Kleidung (und Klopapier). Gott im Himmel weiß doch, was ihr zum Leben braucht. Euer wichtigster Wunsch sollte sein, dass Gottes Reich und seine Gerechtigkeit (eine andere Normalität) unter euch die Möglichkeit bekommt. Alles andere wird euch zufallen (voneinander vor die Tür gestellt werden) oder seine Dringlichkeit verlieren.“

Möge dieser Wunsch uns leiten, durch Corona hindurch und darüber hinaus.

Bringen wir diesen biblischen Wunsch doch unaufhörlich ins Spiel, wenn es nun gilt, eine neue „Normalität“ zu finden und zu gestalten!

Werden wir nicht müde, in die Meldungen, Abwägungen und in unsere „Normalitätswünsche“ hinein zu beten und zu wünschen: Dein Reich komme!

Amen

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