Staunst du schon oder nimmst du noch zur Kenntnis?

Staunst du schon oder nimmst du noch zur Kenntnis?

Spaziere im Regen
Rieche an den Blumen
Bleibe am Wegrand stehen
Baue Sandburgen
Gehe auf Wanderschaft
Finde heraus, wie Dinge funktionieren
Erzähle Geschichten
Sprich die magischen Worte
Vertraue dem Universum

Mark Twain

Staunst du schon oder nimmst du noch zur Kenntnis?
Das aufgeregte neugierige Entdecken weicht immer mehr einer unbewegten teilnahmslosen Zur-Kenntnisnahme. Viele Menschen gerieren sich cool statt begeistert. Die Redewendung „Da staunste aber“ verschwindet.

Staunen ist … ja – was ist es?  Zunächst einmal eine Reaktion. Und zwar eine spontane auf etwas Unerwartetes und Unerwartbares. Im Staunen selbst tritt die Person dessen, der erlebt hinter das Zurück, was er erlebt. Damit kann das Erlebte um seiner Selbst willen zur Geltung kommen. Also das eigene Ich wird vor dem Schauen eines Sonnenuntergangs über dem Meer ganz klein und fast unbedeutend. Das mag vielleicht nicht jeder Mensch und ist deshalb ein wenig beschämt, dass er so die Fassung verloren hat und überwältigt worden ist von seinem Gefühl.

Staunen ist ein Stück Machtverlust und kann dabei sogar eine Haltung sein, in der man auf die Welt und was darinnen ist zugeht. Der staunende Mensch ist bereit, die eigene Selbstsicherheit aufzugeben und sich verunsichern zu lassen durch scheinbar unscheinbare Alltagsereignisse. Dass existentielle Grenzsituationen wie Angst, Freude, Lust uns ohnehin überwältigen, wussten wir schon. Auch das ist Staunen.

Der Philosoph Plato nennt das Staunen den Anfang von allem oder doch zumindest den Anfang der Philosophie. Staunen lässt einen mindestens nach der erlebten spontanen Reaktion reflektierend fragen: Was war das? oder Wie funktioniert das? oder nach ganz normalen Alltagsereignissen, die einen aber dieses Mal überraschten: Was war mit mir los?

Fragen sind die reflektierte Reaktion des Staunens. Sie sind der Anfang der Philosophie und auch des Glaubens an Gott. Die Psalmen (z.B. der Psalm 139) sind staunende Gebete an Gott, bei dem der betende Mensch ganz hinter die Schöpfungsmacht zurücktritt. Staunen also als eine Form der Demut.

So werden alles Leben und seine Äußerungen zu einer eigenen mystischen Gebetshaltung wie bei Tersteegen im 18. Jahrhundert:

Luft, die alles füllet, Drin wir immer schweben; Aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn‘ Grund und Ende, Wunder aller Wunder, Ich senk‘ mich in dich hinunter; Ich in dir, du in mir, Laß mich ganz verschwinden, Dich mir sehn und finden.

Da geht es nicht um Selbstentwertung, um sich oder andere klein machen. Es ist das Staunen-Wollen und die Bereitschaft, sich erfüllen zu lassen.

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