Der Beschluss der Gemeinde Lübeck, ab sofort zwei Euro für das Betreten der 700 Jahre alten Marienkirche zu verlangen, ruft nicht nur in Schleswig-Holstein Kritiker auf den Plan.
Jan-Hendrik Dany hat mit Pastor Albrecht Schmidt über das Thema „Kirche und Eintrittsgeld“ gesprochen.
Pastor Schmidt, die Lübecker Marienkirche ist außergewöhnlich schön und nicht ohne Grund Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Dennoch empfindet so mancher schleswigholsteinische Protestant die Einführung des Marienkirchen-Eintrittsgeldes als Unverschämtheit. Wie bewerten Sie die Lübecker Maßnahme?
Zunächst einmal kann ich verstehen, dass viele Menschen über die Lübecker Maßnahme irritiert und verärgert sind. Denn Kirchenräume sind bisher einladende Räume gewesen, in denen es die Nähe zu Gott, Gottes Gnade, selbstverständlich ohne Eintrittsgeld gegeben hat. Diese Entscheidung hat ja durchaus eine theologische Dimension: Muss eine Kirche nicht offen und frei zugänglich sein zum Beten, für Momente der Stille? Drückt sich darin nicht sehr schön deutlich der Glaube an die Gnade Gottes aus, die uns umsonst, “gratis data” wie Luther es sagte, geschenkt ist?
Wie gesagt, ich kann durchaus verstehen, dass die Menschen auf diese Maßnahme veschnupft reagieren. Andererseits verstehe ich aber auch die Mariengemeinde in Lübeck. Die Erhaltung der Kirchengebäude kostet viel, viel Geld und trotz staatlicher und anderweitiger Unterstützung immer noch viele Kirchensteuermittel. Insofern muss man die Lübecker Maßnahme auch unter pragmatischen Aspekten betrachten.
Aber müssten die Mittelzuweisungen aus der Kirchensteuer für die von Ihnen erwähnten Instandhaltungsmaßnahmen nicht ausreichen?
Die Bauunterhaltungstöpfe sind in den Gemeinden normalerweise recht gut gefüllt. Aber sie reichen zum Erhalt solch großer historischer Gebäude wie der Marienkirche nicht aus. Im Übrigen sollten meines Erachtens die Kirchensteuern in erster Linie dafür da sein, dass man damit die kirchliche Arbeit mit Menschen finanziert. So kann ich mir auch gut vorstellen, dass viele nicht-religiöse Menschen, aber auch viele Christen die Eintrittsgelder akzeptieren. Kirchen sind nun mal Kulturdenkmäler, interessante Räume.
Aber um nicht missverstanden zu werden: Mein Wunsch wäre schon, dass die evangelische Kirche auf Eintrittsgelder verzichtet. Und vor allem, dass die Kirchen auch außerhalb der Gottesdienstzeiten geöffnet sind.
Der Bezirk Maria Magdalenen hat mit dem Projekt „Offene Kirche“ allerdings nicht die besten Erfahrungen gemacht. Unter anderem wegen der nicht immer zuverlässigen Aufsicht.
Ja, vielleicht müsste man über dieses Projekt – nicht zuletzt im Gottesdienst-Ausschuss – noch einmal neu nachdenken. Zum Beispiel auch über die Frage, wie wir die Kirchen einladender gestalten könnten - etwa mit Musik, einem Gästebuch und brennenden Kerzen.
Müsste man nicht auch, um die Tatsache, dass die Kirchen unserer Gemeinde geöffnet sind, bekannter zu machen, kräftig die, in Anführungszeichen, Werbetrommel rühren?
Sie werden mit noch so viel Rühren der Werbetrommel nur wenige Besucher anlocken können. Trotzdem bin ich für offene Kirchengebäude. Es kommt nicht auf die Menge der Besucher an. Es kommt darauf an, dass es einen Ort gibt, an dem man sich von der bloßen Räumlichkeit anrühren lassen kann. In meinen Augen hätte es schon einen großen Wert, wenn auch nur ein Besucher pro Woche diese Möglichkeit nutzen würde.
Im Übrigen habe ich es durchaus schon erlebt, dass unter der Woche bei mir geklingelt worden ist und mich Menschen gebeten haben, Ihnen die Kirche aufzuschließen, zum Beispiel um vor einer Operation zu beten oder weil sie an dem Tag vom Tod eines geliebten Menschen erfahren hatten.
Warum sind evangelische Kirchengebäude überhaupt – im Gegensatz zu katholischen – unter der Woche verschlossen?
Nach altem lutherischem Verständnis werden die Kirchen nur für den Gottesdienst gebraucht. Und eine Daueröffnung ist natürlich mit Risiken verbunden. Denken Sie an Vandalismus und an die Diebstahlsgefahr. Wir sollten als Gemeinde trotzdem nicht in erster Linie Angst haben. Die möglichen Schäden stehen in keinem Verhältnis zum Gewinn des Prinzips „Offene Kirche“. Schöne Kirchen, wie wir sie Gott sei Dank in der Trinitatis-Gemeinde haben, tragen ja schon eine Botschaft, die Nähe zu Gott, in sich. Und gerade mit Blick auf die heutzutage individualisierten Formen, diese Nähe zu Gott zu suchen, ist eine offene Kirche mit Sicherheit ein sinnvolles Angebot.
