Archiv für März, 2010

Pastorin Sigrun König

Mit den Konfirmanden rücken – wie in jedem Frühjahr – die jüngeren Gemeindemitglieder in den Mittelpunkt des Interesses. Nun haben Klagelieder über „die Jugend“ eine lange Tradition (die bis in die Antike zurück reicht). Dennoch: Die Teenager-Generation 2010 genießt einen besonders schlechten, einen geradezu katastrophalen Ruf. „Respektlos“; „aggressiv“; „egozentrisch“; „beziehungs- und ausbildungsunfähig“; „ohne Leistungsbereitschaft“. Die Liste der ebenso vernichtenden wie verallgemeinernden Attribute ließe sich fortsetzen. Und Pädagogen, Soziologen und Jugendpsychiater schlagen Alarm. Ihr Hauptvorwurf: Viele Elternhäuser verabschiedeten sich aus der erzieherischen Verantwortung. Sie wollten ihren Kindern in erster Linie gefallen, setzten zu sehr auf eine Art „partnerschaftliche Erziehung“, anstatt dem Nachwuchs Orientierung und Struktur zu geben.

Wie stellt sich das – sicherlich ernst zu nehmende – Problem „Jugend 2010“ in unserer Gemeinde dar? Jan-Hendrik Dany hat mit Pastorin Sigrun König, selbst Mutter zweier Söhne, gesprochen.

Frau König, die Serie in Buchform veröffentlichter, fast schon verächtlicher Urteile über „die Jugend“ reißt nicht ab. Und „Super Nanny“- und ähnliche Sendungen festigen den miserablen Ruf deutscher „Teenager außer Rand und Band“. Inwieweit decken sich diese Klischees mit Ihren persönlichen Erfahrungen im Kontakt zu jungen Menschen – nicht zuletzt im Konfirmandenunterricht?

Von Klischees halte ich ja generell sehr wenig. Wer in einem Klischee haften bleibt, neigt auch schnell zu Verallgemeinerungen. Ich mache jetzt seit elf Jahren Konfirmandenunterricht und kann weder bei den positiven noch bei den negativen Aspekten großartige Veränderungen feststellen. Die Konfirmanden versuchen natürlich – nach wie vor -, Grenzen auszutesten. Sie sind aber auch für die netten Seiten des Unterrichts zu gewinnen. Was mir allerdings auffällt, ist, dass bestimmte Arbeitsweisen wie zum Beispiel die Arbeit in Gruppen nicht mehr so gut funktionieren. Vielleicht wird Gruppenarbeit in den Schulen nicht mehr so eingeübt; in jedem Fall ist die Arbeit im Konfirmandenunterricht dadurch schwieriger geworden. Aber Verrohung? Nein. Man muss allerdings Regeln setzen und Grenzen klarmachen.

Inwieweit kann der Konfirmanden-unterricht Ihrer Einschätzung nach die Entwicklung eines Jugendlichen beeinflussen?

Ich hoffe schon, dass es da Einflussmöglichkeiten gibt; dass man zum Beispiel einen respektvollen Umgang miteinander vermitteln kann. Dass man vermitteln kann: Es gibt noch andere Sichtweisen auf den Menschen als die bisher kennengelernten.

Wissen Sie, im Konfirmandenunterricht geht es ja nicht so sehr um Leistung, sondern darum zu lernen, sich in aller Unterschiedlichkeit zu respektieren. Denn im Konfirmandenunterricht haben wir nun mal das ganze Spektrum: Selbstbewusste, Unsichere, Förderschüler, Gymnasiasten. Die Frage ist dann: Wie kriegen wir es hin, uns zu achten, uns zu akzeptieren und aufzupassen, dass niemand in der Gruppe untergeht?

Und natürlich hängt es auch von der Persönlichkeit des Konfirmanden ab, inwieweit man ihn oder sie erreichen kann.

Wie beurteilen Sie den Vorwurf, dass viele Mütter die beste Freundin und nicht so sehr die Erziehungsberechtigte ihres Kindes sein möchten?

Ich glaube, das mit der besten Freundin ist durch. Mir scheint es eher darum zu gehen, dass die Rolle des Erziehungs-berechtigten mitunter gescheut wird; die Rolle desjenigen, der auch ‘mal sagt, wo’s lang geht. Erziehung ist Arbeit. Man muss konsequent sein – und die darauf folgende schlechte Laune der Kinder dann aushalten können. Aber vielleicht ist es bei einigen, die durch Arbeit, durch den ganzen Überlebenskampf des Alltags ermüdet sind, dann eben so, dass man mit den Kindern nicht auch noch darüber diskutieren will, wie lange am Computer gesessen werden darf und so weiter. Da fehlt möglicherweise einfach die Kraft.

Noch einmal zurück zur Mutter in der Rolle der besten Freundin. Es fällt im Straßenbild schon auf, dass manche Mütter betont jugendlich gekleidet und frisiert sind. Und einige gehen ja sogar mit ihrer Tochter gemeinsam in die Disco. Spiegelt sich in solchen Verhaltensweisen nicht ein Problem mit dem Älterwerden wider?

Ich denke, die Mutter, die mit in die Disco geht, ist doch eher die Ausnahme und dass die Mütter nicht mehr so altbacken aussehen wie vor einigen Generationen, ist doch erfreulich. Nein. Um das mal auf den Punkt zu bringen: Den Alterungsprozess, den eigenen und den der Partnerin, nicht akzeptieren zu können, ist doch wohl eher ein Problem der Männer. Schließlich sind sie es, die sich häufig jüngere Partnerinnen nehmen, mit denen sie dann wieder das gleiche „Programm“ mit kleinen Kindern etc. leben.

1.Mrz 2010

Im Dialog

Zwischen Toleranz, Angst

und der Gefahr der Selbstverleugnung


Nach jüngsten (deutlich nach oben korri-gierten) Schätzungen des Statistischen Bundesamtes liegt der Anteil der in Deutschland lebenden Muslime bei gut fünf Prozent der Gesamtbevölkerung beziehungsweise 4,3 Millionen Menschen. Und wer mit offenen Augen durch Elmschenhagen und Wellsee geht, kann nur bestätigen, dass wir in einer „multi-kulturellen Gesellschaft“ leben.

Zur Jahreswende 2009/2010 ist die religiöse Dimension der Zuwanderung wieder in den Mittelpunkt der Integrati-onsdebatte gerückt. Nicht zuletzt deshalb, weil sich in Rendsburg eine Bürgerinitiative gegen den täglichen Gebetsruf des Muezzin stemmt. Zudem sorgt der Schweizer Volksentscheid zum Minarett-Verbot weiterhin für Gesprächsstoff. So manches Gemeindemitglied befürchtet, dass sich die Bundesrepublik, dass sich Schleswig-Holstein islamisieren und seine abendländisch geprägte, kulturelle Identität verlieren könnte.

Umso besorgniserregender, dass der christlich-muslimische Dialog, zumindest auf höchster Ebene, in eine Sackgasse geraten ist. Gegenseitige Vorwürfe haben die bisherigen offiziellen Begegnungen zwischen Vertretern der christlichen Kirchen und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland bestimmt. Dass interreligiöse Gespräche fester Bestandteil moderner Gesellschaftspolitik sein müssen, steht allerdings außer Frage.

Wie schätzen die Pastoren unserer Gemeinde die Perspektiven des christlich-muslimischen Dialogs ein? Jan-Hendrik Dany hat mit Albrecht Schmidt und Michael Szelinski-Döring gesprochen.

Pastor Schmidt, Pastor Szelinski-Döring, EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) und Innenministerkonferenz appellieren an die muslimischen Gemeinden in Deutschland, sich aus Rücksicht auf Islamisierungs-Ängste in der Bevölkerung bei der Gestaltung ihrer Moscheen „eine gewisse Zurückhaltung“ aufzuerlegen. Schließen Sie sich diesem Appell an?


Pastor Schmidt: Auf jeden Fall. Zumal es ja heißt, dass Staaten wie Saudi-Arabien oder die Türkei den Bau besonders raumgreifender Moscheen in Deutschland finanziell – in großem Stil – bezuschussen. Das wäre ein Stück Politik, das mir nicht gefiele; ein bisschen in Richtung Imperialismus.

Ich möchte den muslimischen Gemeinden in der Tat zu einer gewissen Mäßigung raten. Die Christen in Deutschland sollten nicht vor einer Überflutung mit islamischer Kultur Angst haben müssen.

Wissen Sie, wenn Religionen im Zuge der Globalisierung aufeinanderstoßen, dann hat die Toleranz es schwer. Jeder hält seine Religion ja immer für das Nonplusultra.

Natürlich haben die Muslime in Deutschland das volle Recht auf Religionsausübung. Es gibt aber auch ein Recht der deutschen Bevölkerung, nicht das Gefühl haben zu müssen, in Istanbul zu leben.

Pastor Szelinski-Döring: Ich halte die Bedenken des Kollegen Schmidt für berechtigt und nachvollziehbar. Allerdings möchte ich eine andere Differenzierung in die Diskussion einbringen. Mit großen Moscheen – und riesigen Parkplätzen davor – habe ich eigentlich kein Problem, denn diese Orte sind eine große Hilfe für Muslime, ihren Glauben zu leben. Wenn Moschee-Bauten allerdings, Stichwort Bezuschussung aus dem Ausland, im Verdacht stehen, Instrument der Machtausübung zu sein, dann hab‘ ich mit solchen Orten schon ein Problem. Andererseits: Ist der Hamburger „Michel“ nicht auch ein Symbol, eine Form der Selbstdarstellung? Wird durch eine solche Neueröffnung nicht auch Macht und Größe demonstriert? Im Übrigen: Tatsache ist nun einmal, dass wir ein Einwanderungsland geworden sind.

Pastor Schmidt: Ja, natürlich. Aber eine gewisse Anpassung und Zurückhaltung darf man in meinen Augen schon erwarten. Zumal der Islam keine säkularisierte Religion ist. Wir sollten nicht über ein „Wir sind ja alle so tolerant“ unsere Traditionen verleugnen.

Pastor Szelinski-Döring: Aber sind unsere Traditionen denn wirklich noch so christlich geprägt? Nur ein Beispiel: Die beiden höchsten Gebäude in Frankfurt am Main sind Bankenhochhäuser.

…der Deutschen Bank. Die Frankfurter nennen sie „Soll und Haben“ –


Pastor Szelinski-Döring: Genau. Früher waren Kirchen generell die höchsten Gebäude einer Stadt. Und heute? Banken. Geld ist der Götze unserer Zeit; der schnöde Mammon. Ich sehe einen deutlichen Relevanzverlust der christlichen Religion in unserer Kultur.

Pastor Schmidt: Da kann ich allerdings nur zustimmen.

Lassen Sie uns zur nächsten Frage kom-men. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass der christlich-muslimische Dialog mit Erwartungen überfrachtet wird? Mit Erwartungen im Sinne eines zu ehrgeizigen Konsenses, der in den Gesprächen erzielt werden soll.


Pastor Szelinski-Döring: Ich glaube nicht, dass der Dialog mit Erwartungen überfrachtet wird. Natürlich erheben beide Seiten, Christentum und Islam, als monotheistische Religionen so etwas wie einen Wahrheitsanspruch. Ein Dialog ist aber insofern möglich, als man ja akzeptieren kann, dass das Gegenüber eben auch den Anspruch auf (seine) religiöse Wahrheit erhebt. Einen Konsens zwischen zwei Seiten mit jeweils einem solchen Wahr-heitsanspruch kann es nicht geben. Aber man kann ein Klima schaffen, in dem sich die Auffassungen des Gesprächspartners besser kennenlernen lassen. Man kann die Verschiedenartigkeit der religiösen Inhalte genauer wahrnehmen, die unter-schiedlichen Praktiken und Traditionen. Daraus kann durchaus ein besseres Verstehen, ein besseres Verhältnis zueinander erwachsen – ohne überhöhte Konsens-Erwartungen.


Pastor Schmidt: Ich denke, dass der Dialog mit den muslimischen Gemeinden deutliche Grenzen hat. Trotzdem sollte und muss man den Dialog führen, zumal das Christentum und der Islam monotheistische Religionen sind, und wir uns gegenseitig bereichern könnten. Beispielsweise könnten wir als Christen vom Islam sogar eine Menge lernen. Vielleicht könnten Muslime aber auch in dem ein oder anderen Bereich von uns Christen lernen. Ich denke da etwa an mehr Milde – und weniger Strenge und Überwachung. Dennoch, der Dialog mit Muslimen hat Grenzen. Wir sollten die Unterschiede auch nicht verwischen. Und doch kann ein solcher Dialog ein Stück Frieden hervorbringen.

Nun wird in der öffentlichen Debatte über den interreligiösen Dialog gern das Trennende betont. Was aber verbindet Christen und Muslime?


Pastor Schmidt: Der Glaube an Gott. Den Menschen als Geschöpf Gottes zu betrachten. Zudem bestimmte ethische Verhaltensweisen. Rein theologisch betrachtet, gibt es viele Gemeinsamkeiten. Das Problem liegt aber nicht im Bereich Theologie. Das Problem liegt in den politischen Traditionen des Islam, in seinem Menschen-, speziell seinem Frauenbild. Hier sehe ich wesentliche kulturelle Unterschiede – und Reibungsflächen.


Pastor Szelinski-Döring: Der Kollege Schmidt deutet ja nicht zuletzt den Aspekt Kopftuch an. Keine Sure im Koran schreibt vor, ein solches Tuch zu tragen. Es ist eher Bestandteil der Volksfrömmigkeit und Ausdruck falsch verstandener Koransätze. Und zum Stichwort „kulturelle Unterschiede“: Wir sollten auch einmal die Perspektive der muslimischen Familien, die in Deutschland leben, einnehmen. Diese Menschen leben hier bei uns in einer Welt voller Freizügigkeit, die gerade die Elterngeneration nicht mehr versteht.

Sicherlich ein bedenkenswerter Hinweis. Zumal auch viele Christen bestimmte Aspekte der Freizügigkeit, beispielsweise all den Dreck, der zu später Stunde im Fernsehen gesendet wird, nicht gutheißen.


Pastor Schmidt: Mit Sicherheit nicht. Und wenn wir den Blick auf die muslimischen Familien richten, dann sollten wir vor ihrer Kultur der familiären Verbundenheit den Hut ziehen.


Pastor Szelinski-Döring: In der Tat.

Letzte Frage – und eines der besonders heißen Eisen der Debatte: Ist ein gemeinsames Gebet von Christen und Muslimen vorstellbar?


Pastor Szelinski-Döring: Vorstellbar – ja. Aber ob es wünschenswert ist, weiß ich nicht. Wenn das gemeinsame Gebet dem Frieden zwischen den Religionen diente, würde ich viel öfter gemeinsam mit Muslimen beten. Ich glaube aber, dass das gemeinsame Gebet, der gemeinsame Gottesdienst nicht wesentlich zur Verständigung beitragen kann. Es besteht einfach die Gefahr, zu viele Kompromisse machen zu müssen.

Pastor Schmidt: Ich kann mir gemeinsame Gebete sehr gut vorstellen. Natürlich müsste man sich über die Gebetsformen vorab verständigen. Aber ein gemeinsames Gebet gegenüber einem unverfügbaren Gott, die gemeinsame demütige Haltung vor Gott, ohne jeweilige Machtde-monstration – doch, darin sähe ich schon eine Chance.