Archiv für Oktober, 2008

 

Mit quietschenden Reifen weicht ein Taxi auf den Gehweg aus und setzt zum Überholen an.
Hinter uns ertönen aus einem anderen Auto lautstark die Basstöne. An der Kreuzung guckt uns eine mürrische Autofahrerin an, weil sie es nicht mehr schafft, noch eben vor uns einzubiegen. Wir sind entsetzt. Wir, das sind der Bestatter und ich und befinden uns in einem Trauerzug von der Maria-Magdalenen-Kirche zum Friedhof. Verwundert fragen wir uns nach der Trauerfeier, warum es an Respekt vor den Verstorbenen fehlt. Es mag ja altmodisch klingen, aber es gibt so etwas wie einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Man hält inne, auch wenn man denjenigen nicht kannte, und zollt ihm so Respekt. Warum also geschieht das nicht? Greift hier die immer so beschriebene Verrohung der Gesellschaft? Nimmt die Gleichgültigkeit der Menschen zu? Jeder ist sich nur noch selbst der Nächste, also interessiert auch kein fremder Trauerzug. Frei nach Bert Brecht:
Glücklich wer geschickt und heiter
Über frische Gräber hopst.
Tanzend auf der Galgenleiter
Hat sich keiner noch gemopst.

 

Meine etwas optimistischere Einschätzung der Lage ist, dass dieses „respektlose” Verhalten auf Unwissenheit oder Unsicherheit zurück zu führen ist. Schließlich fahren die Autos nicht nur auf der Straße an uns vorbei. Auch auf dem Friedhof selbst hält kaum jemand sein Fahrzeug an, wenn er einen Trauerzug entdeckt. Hier ist aber bestimmt nicht Gleichgültigkeit der entscheidende Faktor, denn oftmals handelt es sich um Menschen, die selber einen Angehörigen verloren haben und dessen Grab liebevoll pflegen.
Man weiß einfach nicht mehr, dass zu einem Totengedenken ein paar Minuten der Stille gehören. So etwas kennen wir nur noch aus dem Fernsehen, wenn ein Land aufgrund einer Katastrophe eine Gedenkminute für die Toten hält.
Aus der Mitte unserer Gesellschaft ist der Tod verbannt worden. So haben wir auch keine Verhaltensregeln mehr an der Hand, wenn wir ihm begegnen.

 

 

Gleichgültigkeit ist es nicht. Schaut man ins Internet, gibt es unzählige Anfragen gerade jüngerer Leute, wie sie sich angesichts einer Trauerfeier eigentlich zu verhalten haben. Und vielleicht ist es an der Zeit, gerade auch in unseren Kirchen wieder darüber zu sprechen. In diesem Gemeindebrief können es nur ein paar Gedanken sein, die zum Gespräch anregen wollen.
Zunächst einmal ist es ein guter Ansatz, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, sich z.B. die Frage zu stellen: „Wie würde ich mich als Angehörige in so einem Trauerzug fühlen?” Ich denke, dass der Motor eines Fahrzeugs dann von ganz alleine abgestellt wird. Zwei Minuten als Respekt vor dem Toten und den trauernden Angehörigen sind für diese viel wert. Man selber verliert nicht wirklich dabei.
Die durchschnittliche Rotphase einer Ampel beträgt 1 Minute.
Wie verhalte ich mich aber, wenn ich an einer Beerdigung teilnehme? Große Verunsicherung ruft vor allem das Verhalten am Grab hervor. Nach Vaterunser und Segen durch den Pastor/die Pastorin treten zunächst die Angehörigen an das Grab. Danach stellen sie sich in ein paar Metern Abstand in einer Reihe auf, um die Beileidsbekundungen entgegen zu nehmen. Die anderen Trauergäste treten ans Grab, sprechen ihr Mitgefühl aus und stellen sich dann etwas abseits, um später eventuell gemeinsam zum Kaffeetrinken aufzubrechen. Wie gesagt: Das sind nur ein paar kleine Hinweise, die anregen möchten, einmal wieder über unser Verhalten im Trauerfall nachzudenken. Wenn sich weitere Fragen auftun, sprechen Sie doch einfach Ihre Pastoren oder Ihre Pastorin an. Wir sind jederzeit gerne Gesprächspartner und -partnerin für Sie.

 

Pastorin Sigrun König